Was blieb vom Krieg?

7. 11. – 3. 12. 2014
Was blieb vom Krieg?
Josef Danninger/Fritz Fellner

Blech statt Gold – Kriegsandenken (Das ist geblieben …)

Fotos der Ausstellungseröffnung am 7. November

Das Ende des ersten Weltkrieges hat in ganz Europa Brüche, Risse, Abgründe, ja eine komplett neue Welt erschaffen. Gerade in den Verliererstaaten musste man einen neuen Anfang finden, der alle Gesellschaftsschichten betroffen hat. Die Schwierigkeiten waren enorm und die Umstände vielfach lebensbedrohend:

  • Hunger und Krankheit (spanische Grippe)
  • Geld- und Devisenmangel, Inflation, Notgeld
  • Neue Grenzen (z. B. zur neu entstandenen Tschechoslowakei)
  • Wirtschaftliche Schwierigkeiten – Verlust der traditionellen Absatz- und Liefermärkte
  • Ehemalige Werte, die nun wertlos sind, z. B. Kriegsanleihen, Sparbücher, Kronenwährung, Herrscherhaus, Kaiser
  • Komplette gesellschaftliche Umschichtung – Ansehen der Beamten und des Militärs, Stellung des Bürgertums
  • Werteänderung in der Kunst

Das Jahrhundert, das taumelnd begonnen hat, war innerhalb von nur vier Jahren traumatisiert. Daraus entstanden Fehlentscheidungen und Falscheinschätzungen, die nur innerhalb eines Jahrzehnts zur nächsten Katastrophe geführt haben.

1918-1924: Freistadt – was ist übrig geblieben?

Florian Gmainer, ein Lehrer im Freistädter Marianum, tut sich mit der neuen Situation schwer. Ein Reich, sein Reich, ist untergegangen. Dafür hat er nicht gekämpft, dafür hat er nicht die Strapazen und die Gräuel auf sich genommen, dass er von heute auf morgen als unbedankter Soldat in seine Heimatstadt zurückkehren sollte. Er war jahrelang in den Eiswänden der Dolomiten, er war am Isonzo und er war einer der ersten, die beim Durchbruch dabei waren, die den Piave übersetzten und sich anschickten Italien zu überrollen. Er wurde von der Geschichte zurückgepfiffen in die Provinzstadt, wo er nun jede Nacht mit einem geladenen Karabiner, den er aus Italien mitgebracht hatte, seine Schule bewachte, damit am nächsten Morgen wieder normaler Unterricht abgehalten werden konnte. Er fürchtete nämlich die Besetzung des Mühlviertels durch die Ultratschechen, die als Grenze der neu gegründeten Tschechoslowakei die Donau haben wollten. Und Freistadt sollte dann Zahlov, nach der Flurbezeichnung Zaglau, heißen. Das alles wollte Florian Gmainer mit allen Mitteln verhindern. Als es zu den Grenzverhandlungen zwischen der tschechoslowakischen Repubilk und der Republik Österreich nach dem Vertrag von St. Germain kam, trat dieser aktive Lehrer wieder hervor. Er konnte auf Grund historischer Dokumente beweisen, dass die Grenze zwischen dem Land ob der Enns und dem Kronland Böhmen eine historische ist. Zahlreiche Dokumente hat er mit einem Beamten der Bezirkshauptmannschaft Freistadt dafür herangezogen und – er hat Recht bekommen! Die sogenannte “Maltschgrenze” wurde bilateral und auch international anerkannt und hat noch heute Gültigkeit.

Was blieb noch von der einst großen Donaumonarchie: nicht viel oder gar nichts – zumindest was den ländlichen Raum betraf. Notgeld ohne Wert, physisch kranke Heimkehrer, eine verheerende Epidemie, die sowohl Kinder als auch Alte hinweggerafft hat, eine Zukunft ohne Perspektive. Die “Urkatastrophe”, wie der erste Weltkrieg heute bezeichnet wird, hat alles und jeden umgekrempelt. Vier Jahre und eine neue Weltordnung oder besser gesagt eine neue Weltunordnung ist entstanden. Davon wurden auch das Mühlviertel und Freistadt nicht verschont.
In einer Neujahrsbetrachtung zum Jahreswechsel 1918/19 schreibt der Präsident der Nationalversammlung Franz Dinghofer: “Niemand von uns allen hat dieses Ende des Weltkrieges vorausgesehen. Wir sind besiegt, trotzdem wir die Schlachten gewonnen haben, trotzdem Russland, unser unmittelbarer mächtigster Gegner, niedergeworfen, Serbien, Montenegro, Rumänien erobert wurden und unsere tapfere Armee bis tief in die Heimat unseres südlichen Gegners eingedrungen war. Ein scheinbar merkwürdiger Zwiespalt, dem flüchtigen Beobachter unverständlich und doch bei näherem Zusehen in der harten Logik der natürlichen Entwicklung begründet.”
Genau das hatte auch Florian Gmainer im Sinn, als er einsam und im Finstern seine Wachgänge in Freistadt absolvierte. Vielen Freistädtern und Mühlviertlern war aber die neue Weltordnung, das Schicksal Südtirols, die Situation im Burgenland, im Angesicht der eigenen Probleme Nebensache. Die meisten Bürger standen der weiteren Entwicklung lethargisch gegenüber – was zur nächsten Katastrophe geführt hat.

Klassenfoto

Foto: 1919 erhielten die Freistädter Volksschulkinder Nahrungsmittel aus Amerika. Mit dem Schwingen einer amerikanischen Flagge bedanken sie sich beim Spender. (Schulgasse hinter der Pfarrkirche, rechts die alte Volksschule)

Dokumentation der Ausstellung im Digitalen Ausstellungsarchiv des forum oö geschichte