{"id":2812,"date":"2020-11-04T13:36:44","date_gmt":"2020-11-04T11:36:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.museum-freistadt.at\/rosenberger\/?p=2812"},"modified":"2020-11-04T13:43:13","modified_gmt":"2020-11-04T11:43:13","slug":"streifzug-durch-das-neue-sudetendeutsche-museum-in-muenchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.museum-freistadt.at\/rosenberger\/streifzug-durch-das-neue-sudetendeutsche-museum-in-muenchen\/","title":{"rendered":"Streifzug durch das neue Sudetendeutsche Museum in M\u00fcnchen"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Etwa drei Millionen Sudetendeutsche wurden nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben. Ein neues Museum in M\u00fcnchen widmet sich nun diesen Menschen und ihrer Geschichte. Ein pers\u00f6nlicher Rundgang durch die aktuelle Ausstellung.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Beinahe h\u00e4tte der alte Abwehrreflex eingesetzt. &#8222;Nichts Geringeres und nichts Gr\u00f6\u00dferes als das Erlebnis namens Heimat&#8220; steht in Leuchtschrift im gro\u00dfen Glasfenster des Foyers. Ein Zitat aus der Rede des tschechischen Staatspr\u00e4sidenten V\u00e1clav Havel vor dem deutschen Bundestag. Ich bin erleichtert, dass das Motto von Havel kommt.<\/p>\n<p><strong>&#8222;Das Erlebnis namens Heimat&#8220;?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Heimat ist ein vergifteter Begriff. Bei den Gro\u00dfeltern hing ein in Holz geschnitzter Fast-Reim, ungef\u00e4hr so: Vergiss Deine Heimat nicht, eine zweite find&#8217;s du nie. Als Halbw\u00fcchsige bin ich augenrollend daran vorbei. Aber Sprache wirkt. Vor allem, wenn so eine Botschaft eine Leerstelle blieb, den Schlagworten keine Erz\u00e4hlungen folgten. Bei uns \u2013 so hie\u00df die verlorene Heimat in der Umgangssprache. Es klaffte eine L\u00fccke auf zwischen dort-gut und hier-schlecht, die man Mohn-Kleckselkuchen kauend zu \u00fcberbr\u00fccken versuchte. Man habe, sagt Michael Henker, der Leiter des Planungsstabs, im Keller des Museums ungef\u00e4hr 50 Mohnm\u00fchlen. Ein Alltagsgegenstand wie viele andere auch, die wie Erinnerungsanker wirken: eine gekl\u00f6ppelte Spitzenhaube, ein gebastelter Raddampfer, vielsprachige Gebetsb\u00fccher, Landschaftsgem\u00e4lde. &#8222;Wem sagt das heute noch was, wo ist das Sudetenland, was sind Sudetendeutsche, ist das \u00fcberhaupt in Deutschland, in Europa, oder irgendwo?&#8220; sagt Michael Henker. Jetzt sei das 70 Jahre her, da k\u00f6nnten sie einen unparteiischen Blick auf die Sache werfen. &#8222;Wir haben viele tschechische Perspektiven auch drin, da hat&#8217;s einen guten Dialog gegeben, der sich dann niederschl\u00e4gt in der Dreisprachigkeit aller Texte, deutsch, tschechisch und auch englisch.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Reiche Kulturen im Sudentenland<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Monolitisch ragt das Sudetendeutsche Museum am M\u00fcnchner Isarhochufer auf. Zur waldigen Hangseite hin ist die geschlossene Natursteinfassade aufgebrochen; eine schmale Fensterfront zerkl\u00fcftet den Bauk\u00f6rper von oben bis unten, wie ein Riss, als \u00f6ffnete sich das Haus dem Blick und Fragen: Was war das f\u00fcr ein Kulturraum? Und wie kamen die Deutschen, die ihn so stark pr\u00e4gten, dorthin? Die Premysliden, die b\u00f6hmischen K\u00f6nige aus dem Haus Premysl, und die Kl\u00f6ster dort h\u00e4tten Deutsche im 12. Jahrhundert in diese unwirtlichen Gebiete gerufen oder angelockt: mit verschiedenen Privilegien, erkl\u00e4rt Michael Henker.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"704\" height=\"396\" src=\"https:\/\/www.museum-freistadt.at\/rosenberger\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Bild1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2787\" srcset=\"https:\/\/www.museum-freistadt.at\/rosenberger\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Bild1.jpg 704w, https:\/\/www.museum-freistadt.at\/rosenberger\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Bild1-300x169.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 704px) 100vw, 704px\" \/><figcaption>\u00a9&nbsp;Sudetendeutsches Museum M\u00fcnchen<br>Vitrinen im Sudetendeutschen Museum M\u00fcnchen<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Die gerufenen Deutschen siedelten sich hufeisenf\u00f6rmig um die b\u00f6hmische und m\u00e4hrische Tiefebene herum an in den Mittelgebirgsregionen, auch den namensgebenden Sudeten. Reiche Kulturen entstanden, nun ausgelegt in Vitrinen: Schmuck aus Gablonz, Violinen aus Sch\u00f6nbach, Glas und Kristall aus Haida; 14 sogenannte Heimatlandschaften werden gezeigt, unterschiedlich in ihren Br\u00e4uchen und der jeweiligen Sprachf\u00e4rbung.<\/p>\n<p>Und dann steht da ein klassischer Wiener Kaffeehausstuhl. Und die Erkl\u00e4rungsversuche des Vaters zur verwirrenden Historie seiner Heimat werden pl\u00f6tzlich im Bugholz des Thonet-Designs zurechtgebogen: Die Thonetst\u00fchle wurden im waldreichen Koritschan produziert \u2013 schlie\u00dflich geh\u00f6rte das Sudetenland bis 1918 zur \u00f6sterreichisch-ungarischen K.-u.-k.-Mo\u00adn\u00adar\u00adchie. Vier Zugeh\u00f6rigkeiten hatte der sp\u00e4ter geborene Vater: tschechoslowakisch, von Nazi-Deutschland annektiert, staatenlos, westdeutsch.<\/p>\n<p>An den Museumsw\u00e4nden wechseln die Farben, vom kaiserlichen Gelb und Schwarz, zum Rotwei\u00dfblau der Ersten Republik, der Denkmalsturz von Kaiser Franz Josef zum tschechoslowakischen Staatspr\u00e4sidenten Masaryk wird unblutig mit gemorphten Gesichtern inszeniert. Nationalistische Mobilmachung dann ab Mitte der 1920er-Jahre: Plakate neu gegr\u00fcndeter sudetendeutscher Parteien verherrlichen die deutsche Mutter, werben f\u00fcr den nationalsozialistischen Scharfmacher Henlein. Das austarierte gesellschaftliche Nebeneinander von Tschechen und Deutschen endete endg\u00fcltig im Nazireich. Rache und Vertreibung der Deutschen folgen 1945\/46.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr Trauer gab es keinen Ort<\/strong><\/p>\n<p>Das Museum informiert sachlich und ausgewogen; Touchscreens erm\u00f6glichen erweiternde Daten. Die famili\u00e4ren Schlagworte waren bitterer: Lager, Typhus, Rausschmiss. An einer Stelle finden sie sich im Museum wieder: Atmosph\u00e4risch dicht eine Installation aus pers\u00f6nlichen Gegenst\u00e4nden, die vom Lichtstrahl erfasst und mit historischem Filmmaterial kombiniert werden und zumindest kurze Schlaglichter werfen auf tabuisierte \u00dcbergriffe und Zwangsarbeit.<\/p>\n<p>Die drei Millionen vertriebenen Sudetendeutschen wurden als laute und teilweise revanchistische Gruppe wahrgenommen, organisiert in martialisch klingenden Verb\u00e4nden wie &#8222;Bund der Heimatlosen und Entrechteten&#8220;. Dass sie wie heutige Fl\u00fcchtende nicht willkommen waren, in Baracken lebten, Suizid begangen, geh\u00f6rte nicht einmal zu ihrer eigenen Wahrnehmung als erfolgreiche Wiederaufbauer. F\u00fcr Trauer gab es keinen Ort, sie brach sich dennoch Bahn: Von nichts vermochte sich der Vater zu trennen, er hortete alles, fischte auch Weggeworfenes wieder aus dem M\u00fcll.<\/p>\n<p>Offenbar folgt auch die Ausstellung dem Impuls, auf die Kraft einer anh\u00e4ufenden Dingwelt zu setzen. Planungsleiter Michael Henker deutet zwischen all den tr\u00f6stenden Nachkriegsobjekten auf ein Paar rotgef\u00fctterte, w\u00e4rmende Ohrensch\u00fctzer; sie fanden eine neue Verwendung: seine Tochter Ulrike habe sie sp\u00e4ter als Schallschutz benutzt, &#8222;um die st\u00e4ndigen und lautstarken Erz\u00e4hlungen der Verwandtschaft \u00fcber die verlorene Heimat nicht mehr anh\u00f6ren zu m\u00fcssen&#8220;.<\/p>\n<p>Ein symptomatisches Bild. Aber die Herkunft und die mit den Traumata unbewusst weitergegebenen diffusen \u00c4ngste sitzen auch den tauben Nachkommen in den Knochen, und in den Zellen.<\/p>\n<p>Quelle: BR.de vom &nbsp;01.11.2020<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Etwa drei Millionen Sudetendeutsche wurden nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben. Ein neues Museum in M\u00fcnchen widmet sich nun diesen Menschen und ihrer Geschichte. Ein pers\u00f6nlicher Rundgang durch die aktuelle Ausstellung. Beinahe h\u00e4tte der alte Abwehrreflex eingesetzt. &#8222;Nichts Geringeres und nichts Gr\u00f6\u00dferes als das Erlebnis namens Heimat&#8220; steht in Leuchtschrift im gro\u00dfen Glasfenster des Foyers. 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