{"id":2868,"date":"2021-01-26T16:44:35","date_gmt":"2021-01-26T14:44:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.museum-freistadt.at\/rosenberger\/?p=2868"},"modified":"2021-01-26T17:24:28","modified_gmt":"2021-01-26T15:24:28","slug":"bericht-ueber-das-buch-blutiger-sommer-1945","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.museum-freistadt.at\/rosenberger\/bericht-ueber-das-buch-blutiger-sommer-1945\/","title":{"rendered":"Bericht \u00fcber das Buch &#8222;Blutiger Sommer 1945&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Lexikon des Todes <\/strong><strong>Januar 2021<\/strong> Landes Echo Prag, Hans J\u00fcrgen Fink<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-2869\" src=\"https:\/\/www.museum-freistadt.at\/rosenberger\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Bild-1.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"799\" srcset=\"https:\/\/www.museum-freistadt.at\/rosenberger\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Bild-1.jpg 1000w, https:\/\/www.museum-freistadt.at\/rosenberger\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Bild-1-300x240.jpg 300w, https:\/\/www.museum-freistadt.at\/rosenberger\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Bild-1-768x614.jpg 768w, https:\/\/www.museum-freistadt.at\/rosenberger\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Bild-1-823x658.jpg 823w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/p>\n<p><strong>Der Prager Historiker Ji\u0159\u00ed Padev\u011bt hat akribisch die brutale Nachkriegsgewalt an Sudetendeutschen dokumentiert. Er benennt T\u00e4ter und gibt den Opfern ihren Namen zur\u00fcck. Sein Buch \u00fcber den &#8222;Blutigen Sommer&#8220; 1945 ist nun im Leipziger Verlag Tschirner &amp; Kosov\u00e1 auf Deutsch erschienen.<\/strong><\/p>\n<p>Wer das Buch \u201eBlutiger Sommer 1945\u201c zur Hand nimmt, muss auf einen Ritt durch die H\u00f6lle gefasst sein. Nicht anders kann man die Ereignisse bezeichnen, die sich in Prag und in den Sudetengebieten unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zutrugen. Politisch war das Schicksal der Deutschen besiegelt. Sie sollten f\u00fcr Hitlers und Henleins Verbrechen mit dem Auszug aus der alten Heimat bezahlen. Viele aber bezahlten daf\u00fcr mit ihrem Leben.<\/p>\n<p><strong>Das Gesetz des Wilden Westens<\/strong><\/p>\n<p>Denn in diesen Monaten der wilden Vertreibungen von Mai bis August 1945 herrschte nur ein Gesetz: das Gesetz des Wilden Westens. Betroffen waren sowohl Wehrmachtssoldaten, SS-M\u00e4nner und Nazi-Funktion\u00e4re als auch die ortsans\u00e4ssige Zivilbev\u00f6lkerung, Deutsche so wie der Kollaboration verd\u00e4chtige Tschechen. Beteiligt waren zuoberst die sowjetischen, tschechischen und US-amerikanischen Milit\u00e4rs. Hinzu kamen Revolutionsgarden und Partisanenbanden mit selbsternannten Kommandanten. Lokale Gruppen, durchsetzt mit kriminellen Elementen und ehemaligen Gestapo-Zutr\u00e4gern, verbreiteten aus Rache und Habgier Terror und Tod.<\/p>\n<p>Auf mehr als 700 Seiten wird Entsetzliches dokumentiert. Einem Gefangenen im Internierungslager von Kojetein (Kojet\u00edn\/Kreis Prerau), den man irrt\u00fcmlich f\u00fcr den B\u00fcrgermeister von Olm\u00fctz hielt, goss man Jauche in den Mund, bis er erstickte. Anderen Internierten f\u00fchrte man mit einem Schlauch Wasser in Bauch und Ged\u00e4rme ein, bis sie platzten.&nbsp; Eine Frau musste nackt vor den Wachm\u00e4nnern des Internierungslagers im nordb\u00f6hmischen Maria Ratschitz (Mari\u00e1nsk\u00e9 Rad\u010dice) tanzen, ehe man ihr die Brust aufschlitzte und eine Flasche in die Scheide schob. Ein Bus mit 37 Hitlerjungen wurde gestoppt, an der Mauer des J\u00fcdischen Friedhofs in Frauenberg (Hlubok\u00e1 nad Vltavou) wurden sie alle erschossen.<\/p>\n<p><strong>Ers\u00e4uft vor den Augen der Kinder<\/strong><\/p>\n<p>30 deutsche Kriegsgefangene wurden bei Sobieslau (Sob\u011bslav) in S\u00fcdb\u00f6hmen vor den Augen von Kindern im Sumpf ers\u00e4uft. Fotos aus Prag zeigen junge M\u00e4nner in Uniform, die mit den F\u00fc\u00dfen an Laternen aufgeh\u00e4ngt, verbrannt, geschlagen und bespuckt worden waren. Einen M\u00fcller im Kreis Budweis (\u010cesk\u00e9 Bud\u011bjovice) fand man erstickt in einem Sack Kleie. In Komotau (Chomutov) wurden zehn M\u00e4nner, angeblich SS-Angeh\u00f6rige, \u00f6ffentlich ausgepeitscht, mit Bajonetten maltr\u00e4tiert. Mit Eisenstangen stach man ihnen die Augen aus, wickelte sie in Filmrollen, z\u00fcndete sie an und \u00fcbergoss sie danach mit Salzwasser.<\/p>\n<p>Im s\u00fcdm\u00e4hrischen Datschitz (Da\u010dice) wurde ein Tscheche erschossen, weil er zu viel wusste von den Spitzeldiensten derer, die ihn ermordeten. Eine gro\u00dfe Zahl von M\u00e4nnern kam bei Geiselerschie\u00dfungen ums Leben. Sie wurden in Gr\u00e4bern verscharrt, die sie selber hatten zuvor ausheben m\u00fcssen. Wer noch lebte, wurde mit Hacken und \u00c4xten erschlagen. Tausende von M\u00e4nnern, Frauen und Kindern starben in den zahlreichen Internierungslagern an Hunger und Krankheiten, Folter und Mord. Ihre Bewacher betrieben Exekutionen und Vergewaltigungsorgien gleichsam zum Zeitvertreib.<\/p>\n<p><strong>Schwer ertr\u00e4gliche Fotos<\/strong><\/p>\n<p>570 Orte der Gewaltverbrechen an deutschen Zivilisten und Milit\u00e4rs hat Ji\u0159\u00ed Padev\u011bt in B\u00f6hmen und M\u00e4hren ausgemacht. Er beginnt mit Prag und teilt sie dann in weitere 13 Regionen ein, von Mittelb\u00f6hmen bis Zl\u00edn. Die Ortsnamen in alphabetischer Reihe erscheinen in Tschechisch und Deutsch. Zu jedem Ort notiert er, was, wann, wo genau geschah. Er nennt die T\u00e4ter bei Rang und Namen, erforscht akribisch, ob und wie sie von der tschechoslowakischen Justiz sp\u00e4ter behandelt wurden. In der Tat landeten einige der brutalsten \u201eKommandanten\u201c vor dem Kadi und im Gef\u00e4ngnis, kamen aber 1948 mit der kommunistischen Macht\u00fcbernahme wieder frei.<\/p>\n<p><em><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-2870\" src=\"https:\/\/www.museum-freistadt.at\/rosenberger\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Bild-2.jpg\" alt=\"\" width=\"279\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/www.museum-freistadt.at\/rosenberger\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Bild-2.jpg 279w, https:\/\/www.museum-freistadt.at\/rosenberger\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Bild-2-209x300.jpg 209w\" sizes=\"auto, (max-width: 279px) 100vw, 279px\" \/>Ji\u0159i Padev\u011bt, Blutiger Sommer 1945. Nachkriegsgewalt in den b\u00f6hmischen Landern, Verlag Tschirner &amp; Kosov\u00e1, Leipzig 202<\/em><\/p>\n<p>Den Opfern hat Padev\u011bt ihren Namen zur\u00fcckgegeben. Das ist aus deutscher Sicht sicher sein gr\u00f6\u00dftes Verdienst. Abgedruckt sind Totenlisten von Einzelmorden und Gruppenexzessen. Genau wird dokumentiert, wo und wie die Ungl\u00fccklichen zu Tode gekommen sind. Mitunter sind Originalfotos beigef\u00fcgt, die nur schwer ertr\u00e4glich sind. Grabst\u00e4tten und Denkmale der Erinnerung werden lokalisiert, teils mit Bildern und Zeichnungen versehen.<\/p>\n<p><strong>Eingest\u00e4ndnis, T\u00e4ter gewesen zu sein<\/strong><\/p>\n<p>Padev\u011bt hat ein Buch von unsch\u00e4tzbarer Bedeutung vorgelegt, insbesondere vielleicht f\u00fcr die tschechische Seite. Im deutschen Erinnerungskanon, namentlich der Sudetendeutschen, waren und sind die 1945er Ereignisse nachhaltig aufbewahrt. In der kommunistischen \u010cSSR und auch danach war dieses Thema hingegen lange tabu. Padev\u011bt selbst bekennt, dass er dieses Buch nur mit gro\u00dfer M\u00fche zustande brachte. Einzugestehen, dass man nicht nur Opfer deutscher Gewaltherrschaft war, sondern f\u00fcr einen kurzen historischen Moment auch auf der Seite der T\u00e4ter stand, muss f\u00fcr tschechische Leser eine durchaus bittere Erkenntnis sein. Wir Deutschen wissen schlie\u00dflich nur zu gut um die Schwierigkeiten, mit einer verbrecherischen Vergangenheit ins Reine zu kommen.<\/p>\n<p>Deshalb ist dieses Werk des Prager Historikers gerade in seiner n\u00fcchternen Radikalit\u00e4t nicht hoch genug einzusch\u00e4tzen. Dies in Deutschland zu w\u00fcrdigen, w\u00e4re dringend zu w\u00fcnschen. Zu erg\u00e4nzen w\u00e4re, was an diesen 570 Orten tschechischer Nachkriegsgewalt zuvor unter deutscher Besatzung geschah. Padev\u011bt hat in diesem Buch bewusst auf diesen Kontext verzichtet. Das ist ein Manko. Opfer und T\u00e4ter in beiden Regimes zu beleuchten, w\u00e4re eine weitere verdienstvolle Tat des Verlages.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lexikon des Todes Januar 2021 Landes Echo Prag, Hans J\u00fcrgen Fink Der Prager Historiker Ji\u0159\u00ed Padev\u011bt hat akribisch die brutale Nachkriegsgewalt an Sudetendeutschen dokumentiert. Er benennt T\u00e4ter und gibt den Opfern ihren Namen zur\u00fcck. Sein Buch \u00fcber den &#8222;Blutigen Sommer&#8220; 1945 ist nun im Leipziger Verlag Tschirner &amp; Kosov\u00e1 auf Deutsch erschienen. 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